Meinung

Die Wahrheit über Butscha liegt irgendwo da draußen

Die Wahrheit über Butscha liegt irgendwo da draußen, ist aber vielleicht zu unbequem, um enthüllt zu werden. Es sollte ein Leichtes sein herauszufinden, was wirklich mit den massakrierten Zivilisten in der ukrainischen Stadt geschah.
Die Wahrheit über Butscha liegt irgendwo da draußenQuelle: AFP © Ronaldo Schemidt

von Scott Ritter

"Im Krieg stirbt die Wahrheit zuerst." Dieses Zitat wird Aischylos zugeschrieben, einem griechischen Tragödiendichter aus dem 6. Jahrhundert v. Chr., der für seinen "ausgiebigen Gebrauch von Bildern, mythischen Anspielungen, erhabener Sprache, Wortspielen und Rätseln" bekannt war. Es ist daher nur passend, dass ein Zitat des Mannes, der das Konzept jeder modernen Kriegspropaganda zum ersten Mal formulierte, in der heutigen Ukraine zum Leben erweckt wurde. Die Regierung in Kiew und ihre westlichen Berater für das Führen auch des Informationskrieges haben sich wohl alle dramaturgischen Mittel des Aischylos zunutze gemacht, um in der ukrainischen Stadt Butscha eine moderne Tragödie zu inszenieren. Und diese Tragödie offenbart, dass das Konzept der Lüge nicht nur ein Nebenprodukt ist, sondern auch als Kriegswaffe eingesetzt werden kann.

Die Hauptquelle für die Berichte über die Tragödie von Butscha ist ein von der ukrainischen Nationalpolizei aufgenommenes Video, auf dem zu sehen ist, wie einer ihrer Konvois durch eine Straße der Stadt fährt. Etwa ein Dutzend Leichen liegen auf der Fahrbahn, viele von ihnen scheinen gefesselt worden zu sein. Dieses Video hat sich viral verbreitet und eine Pandemie von Angst und Wut ausgelöst, die einen großen Teil der Welt erfasst und die Aufmerksamkeit der Staatsoberhäupter und des Oberhaupts der katholischen Kirche auf sich gezogen hat. Dies hat wiederum zu einer Flut von Verurteilungen und Empörung gegenüber Russland und seinem Präsidenten Wladimir Putin geführt. Der kausale Zusammenhang zwischen dem Video und dem weltweiten Eklat ist klar: Ersteres könnte ohne Letzteres nicht existieren.

Eine der ersten Lektionen in Sachen Objektivität besteht darin, die Dinge zu verlangsamen, um sicherzustellen, dass die Fakten nicht durch Emotionen vernebelt werden. Die Videoaufnahmen von Butscha sind verstörend. Es scheint, dass das Video in seiner jetzigen Form mit der ausdrücklichen Absicht veröffentlicht wurde, beim Betrachter eine tiefe "Schockstarre" zu erzeugen. Wenn dies tatsächlich zutrifft, dann haben diejenigen, die es veröffentlicht haben – die ukrainische Nationalpolizei –, ihre kühnsten Erwartungen damit übertroffen. Oder die ihrer Berater, falls das so war.

Die Verbindung zwischen den Toten und dem russischen Militär wurde sofort hergestellt, ohne dass es irgendwelche faktenbasierten Daten zur Untermauerung gab. Und sie wurde anschließend in allen Medien – sowohl in den Mainstream-Medien als auch in den sozialen Medien – aufgegriffen. Jeder, der es wagte, das etablierte "Russland hat es getan"-Narrativ infrage zu stellen, wurde niedergeschrien und als "russischer Handlanger" oder Schlimmeres abgetan.

Dass diese Schlussfolgerungen das Nebenprodukt einer Massenhysterie sind, ist nebensächlich – warum sollte man versuchen, objektiv zu sein, wenn das Narrativ jedem Stereotyp entspricht, das zuvor von denselben Leuten, die heute die Butscha-Geschichte nachplappern, sorgfältig zusammengestellt wurde? Die soziale "Vorkonditionierung" eines Publikums, das an kritisches Denken nicht gewöhnt ist, ist ein wesentlicher Schritt, um dieses Publikum dazu zu bringen, alles, was ihm vorgesetzt wird, für bare Münze zu nehmen. Unabhängig davon, wie ungeheuerlich die Fakten der Geschichte die Glaubwürdigkeit strapazieren. Und um es klar zu sagen: Die ukrainische Darstellung der Ereignisse in Butscha wirkt nicht sehr glaubwürdig.

Die Chronologie der Erzählung ist ein erster Hinweis darauf, dass die von der Ukraine verbreitete und im Westen aufgegriffene Geschichte nicht das ist, was sie zu sein scheint. Es ist erwiesen, dass die russischen Truppen am 30. März aus Butscha abgezogen sind. Die ukrainische Nationalpolizei begann am 31. März mit dem Einmarsch in Butscha, und noch am selben Tag gab der Bürgermeister bekannt, dass die Stadt vollständig unter der Kontrolle der ukrainischen Behörden stehe.

Weder der Bürgermeister noch ein anderer ukrainischer Vertreter wies zu irgendeinem Zeitpunkt auf Massentötungen durch Russland hin. Das fragliche Video wurde von den ukrainischen Behörden am 2. April freigegeben; es ist nicht sicher, ob das Video schon früher oder an diesem Tag aufgenommen wurde. Fest steht, dass sich die auf dem Video gezeigten Bilder deutlich von der ursprünglichen Darstellung des Bürgermeisters unterscheiden.

Russland hat die Anschuldigungen vehement zurückgewiesen und eine Dringlichkeitssitzung des UN-Sicherheitsrats beantragt, um die vom russischen Außenministerium als "kriminelle Provokationen ukrainischer Soldaten und Radikaler" bezeichneten Vorfälle in Butscha zu erörtern. Den Vorsitz im Sicherheitsrat hat Großbritannien inne. Und die britische Vertretung bei den Vereinten Nationen hat den russischen Antrag mit der Begründung abgelehnt, dass eine für Dienstag, den 5. April, angesetzte Diskussion über die Ukraine als Forum für jegliche Diskussion über Butscha dienen würde.

Man sollte meinen, dass der Sicherheitsrat, der sich in der Vergangenheit bereit gezeigt hat, kurzfristig zusammenzukommen, um die Ereignisse in der Ukraine zu erörtern, versuchen würde, dem Antrag Russlands in einer Angelegenheit von solcher Bedeutung nachzukommen. Das Ziel der Briten scheint jedoch nicht die rasche Suche nach Wahrheit und Gerechtigkeit zu sein, sondern vielmehr Zeit zu gewinnen, damit sich die politischen Auswirkungen des angeblichen Massakers in Butscha weiter entfalten können.

Ein Beispiel für diese Taktik ist die Reaktion von US-Präsident Joe Biden. "Sie haben gesehen, was in Butscha passiert ist", erklärte er gegenüber Reportern und fügte hinzu, dass der russische Präsident Wladimir Putin "ein Kriegsverbrecher" sei. Biden nutzte die Butscha-Krise, um sich für die Lieferung weiterer Waffen an die Ukraine einzusetzen. "Wir müssen die Ukraine weiterhin mit den Waffen versorgen, die sie braucht, um den Kampf fortzusetzen", sagte er. "Und wir müssen alle Details zusammentragen, damit es zu einem Kriegsverbrechertribunal kommen kann."

All dies sagt der Präsident eines Landes, das sich weigert, den Internationalen Strafgerichtshof anzuerkennen. Aus Gründen, die für jeden, der bereit ist, kritisch zu denken, offensichtlich sein sollten.

Zum Glück für Präsident Biden und die ukrainische Regierung kündigte Anfang März 2022 der britische Chefankläger des Gerichtshofs Karim Khan an, dass er eine Untersuchung der in der Ukraine begangenen mutmaßlichen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit eingeleitet habe. Angesichts der drastischen Vorwürfe zu Butscha, sollte man davon ausgehen, dass Khan ein Forensiker-Team entsandt hat. Um den Tatort zu sichern und die Autopsien der Opfer zu überwachen, um den Todeszeitpunkt und die Todesart festzustellen und zu ermitteln, ob die Opfer an dem Ort gestorben sind, an dem sie angeblich gefunden wurden, oder ob ihre Leichen von einem anderen Ort dorthin gebracht wurden.

Khan wäre auch befugt, Gespräche mit der ukrainischen Nationalpolizei zu führen, die in der Vergangenheit enge Beziehungen zu Mitgliedern der ukrainischen extremen Rechten, einschließlich des berüchtigten Asow-Bataillons, unterhalten hat. Von besonderem Interesse wäre eine Untersuchung der Befehle, die der Polizei in Bezug auf die Behandlung jener ukrainischen Zivilisten erteilt wurden, von denen angenommen wird, dass sie während der Besetzung von Butscha mit dem russischen Militär kollaboriert haben.

Die Ergebnisse einer solchen Untersuchung würden höchstwahrscheinlich im Widerspruch zu der Darstellung stehen, die von der ukrainischen Regierung verfolgt und im Westen von willfährigen Medien und Politikern aufgegriffen wird. Dies ist der Hauptgrund, warum Khan derzeit nicht vor Ort in Butscha ist. Es ist davon auszugehen, dass die ukrainische Nationalpolizei das Beweismaterial über die Morde in Butscha so manipulieren wird, dass es praktisch unmöglich sein wird, die Anschuldigungen zu widerlegen, sobald oder falls Khan jemals Zugang dazu erhält.

Die Wahrheit über das, was in Butscha geschehen ist, liegt da draußen und wartet darauf, enthüllt zu werden. Leider scheint diese Wahrheit für diejenigen, die in der Lage sind, ihr durch eine forensische Untersuchung vor Ort energisch nachzugehen, unbequem zu sein.

Sollte sich am Ende herausstellen, dass die ukrainische Nationalpolizei ukrainische Zivilisten ermordet hat, weil sie angeblich mit den Russen während der kurzen Besetzung von Butscha kollaboriert haben, und sollten die Kräfte des internationalen Rechts gegen die wahren Täter dieses Verbrechens eingesetzt werden, dann müsste jede wahre Strafverfolgung sowohl die US-amerikanische als auch die britische Regierung als wissentliche Mitverschwörer eines Verbrechens mit einbeziehen.

RT DE bemüht sich um ein breites Meinungsspektrum. Gastbeiträge und Meinungsartikel müssen nicht die Sichtweise der Redaktion widerspiegeln.

Mehr zum Thema - Russischer Kriegsreporter auf der Spur des Massakers von Butscha

Übersetzt aus dem Englischen

Scott Ritter ist ein ehemaliger Offizier für Aufklärung der US-Marineinfanterie und Autor von "SCORPION KING: America's Suicidal Embrace of Nuclear Weapons from FDR to Trump". Er diente den USA in der Sowjetunion als Inspektor für die Umsetzung der Auflagen des INF-Vertrags, während des Zweiten Golfkriegs im Stab von General Norman Schwarzkopf und war danach von 1991 bis 1998 als Waffen-Chefinspekteur bei der UNO im Irak tätig. Derzeit schreibt Ritter über Themen, die die internationale Sicherheit, militärische Angelegenheiten, Russland und den Nahen Osten sowie Rüstungskontrolle und Nichtverbreitung betreffen. Man kann ihm auf Telegram folgen.

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