Deutschland

Pionier in der Staatsfinanzierung: Sachsen-Anhalt wagt Kryptowertpapier

Sachsen-Anhalt gibt ein Kryptowertpapier aus und betritt damit finanzpolitisches Neuland in Deutschland. Wird dies das hoch verschuldete Land retten, und wird dieser Weg Schule machen?
Pionier in der Staatsfinanzierung: Sachsen-Anhalt wagt Kryptowertpapier

Sachsen-Anhalt plant, noch in diesem Sommer als erstes deutsches Bundesland eine Anleihe in Form eines Kryptowertpapiers an institutionelle Investoren auszugeben. Das gab das Finanzministerium in Magdeburg bekannt. Konkrete Details zu Volumen, Laufzeit oder den angesprochenen Investoren nannte die Behörde bislang nicht – die finale Preisfestsetzung soll erst zum Zeitpunkt der Platzierung erfolgen.

Für das Land ist der Schritt strategisch: Sachsen-Anhalt trägt einen Schuldenberg von rund 24 Milliarden Euro und zählt damit zu den am höchsten verschuldeten Bundesländern Deutschlands, gemessen an der Pro-Kopf-Verschuldung. Günstigere Konditionen bei der Schuldenaufnahme sind damit keine Nebensache – sondern eine Notwendigkeit.

Was ist ein Kryptowertpapier überhaupt?

Ein Kryptowertpapier ist keine Kryptowährung wie Bitcoin oder Ethereum – der Name kann täuschen. Es handelt sich vielmehr um ein klassisches Finanzinstrument, etwa eine Anleihe, das jedoch vollständig digital existiert: Statt in einer physischen Urkunde wird es in ein elektronisches Wertpapierregister eingetragen, das auf der sogenannten Distributed-Ledger-Technologie (DLT) basiert – einem fälschungssicheren, dezentralen Aufzeichnungssystem, das Daten chronologisch protokolliert und gegen nachträgliche Veränderung schützt. Die bekannteste Form dieser Technologie ist die Blockchain.

Die rechtliche Grundlage dafür bildet in Deutschland das Gesetz über elektronische Wertpapiere (eWpG), das im Juni 2021 in Kraft trat. Es ersetzte den traditionellen "Skripturakt" – die Ausstellung einer physischen Wertpapierurkunde – durch einen digitalen Registereintrag. Die Finanzaufsicht Bafin führt seither eine öffentliche Liste aller in Deutschland emittierten Kryptowertpapiere. In den ersten drei Jahren nach Inkrafttreten des Gesetzes wurden laut Bafin insgesamt rund 155 Kryptowertpapiere gelistet – bislang fast ausschließlich von Privatunternehmen und Fintechs.

Warum setzt Sachsen-Anhalt auf diese Technologie?

Die Antwort liegt vor allem in der Effizienz. Digitale Anleihen ermöglichen es, weite Teile der Abwicklung zu beschleunigen: Prozesse, die heute Tage oder Wochen dauern – von der Dokumentation über das Underwriting bis zur Abwicklung im Primärmarkt – könnten künftig binnen Stunden erledigt werden. Dazu kommen niedrigere Fixkosten und eine höhere Transparenz, da Handelsbewegungen und Eigentümerwechsel auf der Blockchain leichter nachvollziehbar sind.

Die Europäische Investitionsbank (EIB), die bereits 2021 als erste öffentliche Institution weltweit eine digitale Anleihe auf einer Blockchain begab, sieht in der Digitalisierung der Kapitalmärkte erhebliches Potenzial: Weniger Intermediäre, geringere Fixkosten und schnellere Abwicklung zählen laut EIB zu den zentralen Vorteilen. Sachsen-Anhalt betont zudem, mit dem Schritt Erfahrungen mit moderner digitaler Finanztechnik sammeln zu wollen – ein Signal, das über die eigene Landesgrenze hinausweist.

Pionier unter Staaten – aber nicht ohne Risiko

Während sich bislang vor allem Privatunternehmen und Fintechs an diese Technologie herangewagt haben, ist Sachsen-Anhalt der erste staatliche Akteur in Deutschland, der diesen Weg beschreitet. Das verleiht dem Vorhaben Signalcharakter – birgt aber auch Unwägbarkeiten.

Kritiker verweisen darauf, dass es sich nach wie vor um eine vergleichsweise junge Technologie handelt. Obwohl das rechtliche Fundament seit 2021 steht, nimmt der Kryptohandel in Deutschland nur langsam Fahrt auf. Hinzu kommt ein strukturelles Problem: Kryptowertpapiere sind derzeit vom sogenannten Effektengiro bei einem Zentralverwahrer ausgeschlossen, was bedeutet, dass sie nicht börsenfähig sind und nur außerbörslich gehandelt werden können. Das schränkt die Liquidität und damit die Attraktivität für bestimmte Investorengruppen ein.

Im europäischen Kontext wird der Markt für tokenisierte – also in digitale, handelbare Einheiten umgewandelte – Wertpapiere gleichwohl breiter. Mit dem DLT-Pilot-Regime der EU, der Krypto-Regulierungsverordnung MiCAR sowie dem EZB-Projekt Pontes, das eine operative Pilotphase für digitale Zentralbankwährungen im Großkundenbereich für das dritte Quartal 2026 plant, entsteht schrittweise ein regulatorischer Rahmen, der digitalen Staatsanleihen mittelfristig den Weg ebnen dürfte.

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