Europa

Überlebensspiel: Europas Gasversorgung gerät ins Trudeln

Europa wollte sich aus der Energieabhängigkeit von Russland befreien. Bekommen hat es nun eine Abhängigkeit von amerikanischem Öl und Gas – und kommt doch nicht los von den russischen Rohstoffen. Das ist zwar selbstverschuldet. Am Ende wird aber dennoch mit dem Finger gen Russland gezeigt werden.
Überlebensspiel: Europas Gasversorgung gerät ins Trudeln© RIA Nowosti / durch KI generiert

Von Sergei Sawtschuk

Man könnte endlos dabei zusehen, wie das Feuer brennt, wie das Wasser fließt und wie die Europäische Union "der Neuzeit" jeden Sommer fieberhaft nach Erdgas sucht, um ihre Gasspeicher im Rahmen der Vorbereitungen auf die kommende Herbst- und Wintersaison zu füllen. Der Verband Gas Infrastructure Europe (GIE), der die Interessen der europäischen Gasinfrastrukturbetreiber vertritt, teilt mit, dass die Befüllung der unterirdischen Gasspeicher (UGS) zum gegenwärtigen Zeitpunkt, also praktisch Mitte Juni, deutlich hinter dem Zeitplan zurückliegt. Derzeit sind die unterirdischen Speicher zu 42 Prozent gefüllt, was fast 15 Prozentpunkte unter dem durchschnittlichen Füllstand der vergangenen fünf Jahre liegt. Allein in der vergangenen Woche verlangsamte sich das Tempo im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um weitere 0,5 Prozentpunkte.

Nein, dies ist kein weiterer Artikel darüber, dass Europa in diesem Winter garantiert frieren wird. Die Sache liegt deutlich tiefer.

Von einem kritischen Scheitern der Speicherfüllpläne zu sprechen, ebenso wie von einem tiefgreifenden gesamteuropäischen Erdgasmangel, wäre natürlich falsch. Doch diese Tendenz ist durchaus interessant, vor allem, wenn man die Dynamik im Zusammenhang mit den Ereignissen der vergangenen Jahre betrachtet. Zu Beginn der militärischen Sonderoperation in der Ukraine beliefen sich allein die Liefermengen von Pipelinegas aus Russland in die Länder des vereinten Europas auf 110 Milliarden Kubikmeter, und dessen Anteil am Gesamtverbrauch erreichte 30 Prozent. Auch Flüssigerdgas (LNG) trug seinen Teil dazu bei: 2022 betrug das Liefervolumen 19,5 Millionen Tonnen (22 Milliarden Kubikmeter). Damit erreichte die Abhängigkeit der EU von den Importkanälen aus dem Osten insgesamt 43 Prozent.

Danach folgten zahlreiche Sanktionen, Blockaden und Embargos, und bereits Ende 2025 bezog dieselbe EU bei einem Gesamtbedarf von 313 Milliarden Kubikmetern Gas nur noch 38,3 Milliarden Kubikmeter aus Russland. Auch der LNG-Import ging zurück, wenn auch nicht ganz so stark. Die EU-Länder importierten etwas mehr als 20 Milliarden Kubikmeter Flüssiggas, also fast die Hälfte des gesamten in Russland produzierten LNG, und zahlten dafür 7,2 Milliarden Euro an unsere Gasexporteure. Im gesamten Jahr 2024 wurden für denselben Bedarf 6,3 Milliarden Euro ausgegeben, doch hier geht es nicht um einen Anstieg der Verkaufsmengen, sondern um die Verteuerung von Flüssiggas als Handelsware. Einfach ausgedrückt: Der Preis für Flüssigerdgas (LNG) ist im Zuge der Ereignisse der letzten Jahre schrittweise gestiegen. Die Ereignisse reihten sich aneinander: Sanktionen, die Sprengung der "Nord Stream"-Pipelines, die Sperrung der ukrainischen Transitroute und als Krönung die Ereignisse rund um den Iran, die schließlich zur Blockade der Straße von Hormus führten.

Sowohl Russland, das rund 70 Prozent seiner Exporte in den Westen verlor, als auch die EU, die jedes Jahr am Rande eines Zusammenbruchs der Heizperiode und der Versorgung ihrer Industrie mit Brennstoffen und Rohstoffen balanciert, gehörten zu den Leidtragenden. Hauptnutznießer davon sind die USA: Sie konnten nicht nur die russische Gasnische besetzen, sondern diese sogar noch ausweiten. Das Volumen der LNG-Lieferungen von jenseits des Atlantiks hat sich seit 2021 verdreifacht, und heute liegt die Abhängigkeit der EU von amerikanischem Wohlwollen in diesem Bereich bei über 60 Prozent. Diese Abhängigkeit ist so kritisch und eklatant, dass selbst deutsche Politiker inzwischen offen darüber sprechen und die Lage als besorgniserregend bezeichnen. Washington zieht nicht nur zusätzliche Milliarden US-Dollar aus den europäischen Taschen, sondern nutzt LNG-Tanker auch als Steuerungsinstrument für die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Industrie.

Man sagt, Geld regiere die Welt. Doch was tun, wenn es dafür schlicht nichts zu kaufen gibt? LNG-Tanker können ohne Weiteres von ihrer Route in Richtung Asien abweichen, wo ein ständiger Mangel an Energieressourcen herrscht, der zu Spitzenpreisen pro Tonne und Kubikmeter führt. Sie können aber auch die Regasifizierungsterminals in Dünkirchen, Barcelona und auf der Isle of Grain nicht anlaufen, wenn sie auf direkten Befehl aus Washington den Kurs ändern, wie es im vergangenen Jahr der Fall war. Damals wurden die europäischen Abnehmer über die einseitige Stornierung der Lieferverträge informiert und erhielten ihr Geld zurück, während das begehrte LNG nach Japan, Indien und Südkorea geliefert wurde.

Um das sich abzeichnende Gesamtbild zu verstehen, muss noch eine Sache erwähnt werden.

Über Erdgas, sei es als Pipelinegas oder als Flüssiggas, wird ständig als Energieressource gesprochen und geschrieben, was im Großen und Ganzen völlig zutreffend ist. Dabei wird jedoch ein wenig bekannter Umstand oft übersehen: Innerhalb der Europäischen Union wird der geringste Teil dieses Brennstoffs speziell für den Energiebedarf, also für die Stromerzeugung, verwendet.

Betrachtet man die Struktur des gesamten Erdgasverbrauchs in der EU, so zeigt sich, dass lediglich 25 Prozent des Erdgases für die Stromerzeugung aufgewendet werden. Auf die Bedürfnisse der Industrie entfallen im Durchschnitt bereits 35 Prozent. Den Löwenanteil davon beanspruchen dabei Bereiche wie die Chemie- und Erdölverarbeitungsindustrie sowie die Herstellung von Stickstoffdüngemitteln.

Der größte Verbrauchsposten entfällt jedoch auf den Haushaltssektor, nämlich 41 Prozent des Gesamtverbrauchs. Von dem gesamten Erdgas werden 41 Prozent für die Beheizung von Wohn- und Gewerbegebäuden (ohne Bürogebäude, die separat erfasst werden) sowie für die Warmwasserversorgung verwendet. Innerhalb dieser Kategorie wiederum werden 60 Prozent für den Betrieb von Heizkraftwerken verwendet, also konkret für die Wärmeerzeugung.

Natürlich variiert dieses Verhältnis von Land zu Land: Am stärksten abhängig sind die Niederlande (60 Prozent) und Italien (50 Prozent). Sollte es bis Anfang September nicht gelingen, die europäischen Erdgasspeicher bis zu den geplanten Zielwerten zu füllen, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass Vertreter genau dieser Staaten von der Tribüne der Europäischen Kommission aus für eine weitere Verschiebung der Fristen für den vollständigen Verzicht auf russisches LNG eintreten werden.

August und September werden zu einem entscheidenden Zeitraum. Sollten die Gasvorräte nicht ausreichen und den Wettervorhersagen zufolge ein kalter Winter bevorstehen, stehen Brüssel als politisches Zentrum und die nationalen Regierungen vor einer recht einfachen Wahl: entweder die verfügbaren Gasmengen in den realen Sektor umzuleiten, damit Airbus mit dem US-Unternehmen Boeing konkurrieren kann und die am Abgrund stehenden Automobilhersteller sich noch ein weiteres Jahr gegen die Flut chinesischer Elektroautos behaupten können, oder aber Häuser, Krankenhäuser und Schulen mit Wärme zu versorgen. Die naheliegende Antwort wäre, dass man den einfachen Europäern "den Hahn zudreht", doch die europäischen politischen Eliten haben in den letzten Jahren mehr als einmal die objektive Logik außer Kraft gesetzt.

Wie dem auch sei: Unabhängig davon, wie sich die Ereignisse entwickeln, wird am Ende ohnehin Russland zum Schuldigen erklärt. Aber daran sind wir ja gewöhnt.

Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 12. Juni 2026 zuerst bei RIA Nowosti erschienen.

Sergei Sawtschuk ist Kolumnist bei mehreren russischen Tageszeitungen mit Energiewirtschaft als einem Schwerpunkt.

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