Europa

Kämpfe um Asow-Stahl: Eingekesselte ukrainische Einheiten bitten um Evakuierung in Drittstaaten

Die auf dem Gelände des Eisenhüttenwerks "Asow-Stahl" verbliebenen ukrainischen Soldaten gehen auf russische Angebote nicht ein und bleiben weiterhin eingekesselt. Sie appellieren dagegen an andere Regierungen der Welt und erbitten dabei die Evakuierung in Drittstaaten. Angeblich seien mit ihnen auch Zivilisten eingekesselt.
Kämpfe um Asow-Stahl: Eingekesselte ukrainische Einheiten bitten um Evakuierung in DrittstaatenQuelle: Sputnik © Ilja Pitalew

Auf dem Gelände des metallurgischen Kombinats "Asow-Stahl" [Asowstal; Азовсталь] in Mariupol bleiben nach russischen Angaben noch etwa 2.000 Kämpfer der regulären ukrainischen Armee sowie des nationalistischen Asow-Regiments eingekesselt. Die Sturmtruppen der Donezker Volksmiliz und der russischen Armee sind inzwischen in das Werksgelände vorgedrungen und nehmen Halle für Halle ein. Auch die dem Werk benachbarten Wohnviertel sind unter deren Kontrolle gebracht, die letzten dort verbliebenen 120 Zivilisten wurden am Dienstagnachmittag aus den Kellern evakuiert. Sie harrten dort seit Anfang März aus und litten nach eigenen Angaben unter ukrainischem Artilleriebeschuss.

Am Dienstag verhängte das russische Militär ab 14 Uhr eine Feuerpause, die für die Evakuierung der eventuell auf dem Werksgelände verbliebenen Zivilisten hätte genutzt werden können. Die ukrainische Seite behauptete zuvor, dass etwa noch 1.000 Zivilisten dort eingeschlossen seien. Zwar hielt Russland diese Angaben für eine Lüge, wollte aber die Möglichkeit nicht ausschließen, dass auf dem Gelände tatsächlich noch Zivilisten - wie etwa von Asow-Kämpfern festgehaltene Werks-Mitarbeiter - sein könnten. Auch könnten sich während dieser Feuerpause die ukrainischen Soldaten ergeben, um ihr Leben zu retten. 

Am Dienstagabend teilte das russische Verteidigungsministerium mit, dass bis 22:00 Uhr Moskauer Zeit (21:00 Uhr MESZ) niemand den Korridor genutzt habe. Es folgte eine weitere Ankündigung einer einseitigen Feuerpause mit einem humanitären Korridor aus dem Werksgelände von Asow-Stahl für Mittwoch ab 14:00 Uhr Moskauer Zeit (13:00 Uhr MEZ).

Am Mittwochmorgen gaben die eingekesselten Kämpfer anstelle der Kapitulation ein medienwirksames Lebenszeichen. In einem auf Facebook veröffentlichten Appell baten sie um eine Evakuierung in Drittstaaten. "Der Feind ist uns 10 zu 1 überlegen", sagte Sergei Wolyna, der Kommandeur der ukrainischen 36. Marineinfanteriebrigade, in seiner nur eine Minute dauernden Videobotschaft:

"Wir appellieren an alle führenden Politiker der Welt, uns zu helfen."

Russland habe Vorteile in der Luft, bei der Artillerie, den Bodentruppen, bei Ausrüstung und Panzern, sagt Wolyna weiter. Die ukrainische Seite verteidige nur ein Objekt, das Stahlwerk Asow-Stahl, wo sich außer den Militärs auch noch Zivilisten befänden.

Wolyna bat, das "Verfahren der Extraktion" anzuwenden und alle – sowohl das Militär der ukrainischen Mariupol-Garnison, mehr als 500 verwundete Kämpfer sowie Hunderte Zivilisten, darunter Frauen und Kinder – auf dem Territorium eines Drittlandes in Sicherheit zu bringen. "Das ist unser Appell an die Welt", sagte Wolyna. "Das könnte der letzte Appell unseres Lebens sein."

Dem TV-Sender CNN sagte Wolyna, eine Evakuierung könne etwa per Schiff oder per Helikopter erfolgen. Auch eine internationale humanitäre Mission sei eine Möglichkeit. Zur Frage, wie viele ukrainische Militärs sich auf dem Gelände des Stahlwerks aufhielten, machte er keine Angaben. Das Video wurde in einer einzigen Einstellung gedreht, Videobeweise für die Anwesenheit von Zivilisten unter den Eingekesselten wurden nicht vorgelegt.

Die Ansage des Kommandeurs war offenbar eng mit dem Außenministerium in Kiew abgestimmt. Joe Biden, Recep Tayyip Erdoğan und Boris Johnson wurden angesprochen und der Text mit englischen Untertiteln versehen. Russland geht davon aus, dass auch noch zahlreiche ausländische Söldner bei Asow-Stahl mit eingeschlossen seien. 

In seinem Presseauftritt am Dienstag nannte der Leiter der ressortübergreifenden Koordinierungsstelle für humanitäre Hilfe der Russischen Föderation Generaloberst Michail Misinzew die Weigerung Kiews zur Nutzung der von Russland angebotenen humanitären Korridore aus Mariupol verbohrt und zynisch. Dies seien eine Lüge und ein Betrug gegenüber dem eigenen Volk sowie ein Verrat an den ukrainischen Soldaten und nationalistischen Bataillonen. 

Er verwies auf abgehörte Funksprüche der Befehlshaber der in Asow-Stahl verbliebenen Verbände und sagte, dass sie die Ausweglosigkeit ihrer Lage erkennen und bereit seien, ihre Waffen niederzulegen, "allerdings nur auf einen entsprechenden Befehl aus Kiew". Denn sonst drohten ihnen Strafen nach dem in der Ukraine geltenden Kriegsrecht – bis hin zur Erschießung. 

Die Zivilisten – sollten sich tatsächlich welche in Asow-Stahl aufhalten – würden von den Kämpfern als "menschliche Schutzschilde" genutzt. "Diese glaubwürdigen Informationen wurden durch Aussagen gefangen genommener ukrainischer Soldaten und durch abgehörte Funksprüche während der Kampfhandlungen im Stadtgebiet von Mariupol untermauert." 

Misinzew rief die Regierung in Kiew nochmals dazu auf, den humanitären Korridor für die Evakuierung hilfsbedürftiger Personen am Mittwoch ab 14 Uhr zu nutzen, und teilte dessen Koordinaten und die Anzahl der zur Verfügung stehenden Busse mit. Ab diesem Moment gelte wieder auf dem eingegrenzten Werksgelände die Feuerpause. Er sei allerdings zu erwarten, dass die ukrainische Regierung das Angebot wiederum ungenutzt verstreichen lassen wird. Er wandte sich direkt an die Kommandeure der eingekesselten Einheiten und an die einzelnen Soldaten und rief sie dazu auf, zum Schutz des eigenen Lebens die Waffen niederzulegen.

Inzwischen befinden sich Tausende ukrainische Soldaten in Gefangenschaft. Sie werden in den Hafteinrichtungen der Donezker und Lugansker Volksrepubliken untergebracht. Vergangene Woche haben sich mehr als 1.300 ukrainische Soldaten ergeben. Sie waren auf einem anderen großen Werksgelände in Mariupol eingekesselt. Es gab allerdings auch gescheiterte Durchbruchsversuche. So starben bei einem solchen Versuch etwa 50 Infanteristen. 

Russlands Militärbehörden rufen ukrainische Truppen regelmäßig dazu auf, die Waffen niederzulegen und sich zu ergeben. Jeder einzelne Kämpfer werde überprüft, ob er an Kriegsverbrechen teilgenommen habe. Seit Beginn des Donbass-Krieges vor acht Jahren laufen entsprechende Ermittlungen der Strafverfolgungsorgane in Donezk, Lugansk und Moskau, mittlerweile gibt es Tausende offener Verfahren. Prozesse drohen vor allem befehlsführenden Offizieren der ukrainischen Armee und Kämpfern der berüchtigten nationalistischen Einheiten wie etwa Asow oder Aidar. Nun werden sie auch mit den neuen Vorwürfen konfrontiert, Zivilisten in Mariupol und anderen Städten während der Kämpfe gezielt beschossen oder getötet zu haben.

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